Freitag, 17. Februar 2017

Die öffentliche Trump-Hysterie ist wenig hilfreich, eine sachliche, kritische Auseinandersetzung schon

Am 7. Februar veröffentlichte die "Süddeutsche Zeitung" ein Interview mit dem US-amerikanischen Historiker Timothy Snyder mit dem Titel
"Wir haben maximal ein Jahr um Amerikas Demokratie zu verteidigen".
 Schon diese Überschrift zeigt die ganze Ignoranz der US-amerikanischen Führungselite. Gemeint war natürlich nicht die Demokratie Amerikas, sondern eine wie auch immer geartete Demokratie der USA. Und hier liegt die zweite Fehleinschätzung Snyders und der Süddeutschen. Die USA verfügen schon seit längerem über keine Demokratie mehr. Bestenfalls ist das US-amerikanische Präsidialmodell eine, durch demokratisch anmutende Scheinhandlungen überdeckte Oligarchie.

 Dieser Umstand ist auch ein von den Eliten der ganzen Welt anerkannter Fakt. So sagte der langjährige Vorsitzende der Atlantikbrücke, Arndt Oetker, einst zur vordringlichsten Aufgabe des Altherrenbundes:
"Die USA wird von 200 Familien regiert und zu denen wollen wir gute Kontakte haben."
 Schon im Jahr 1968 beschäftigt sich "Der Spiegel" mit diesem Phänomen der US-Gesellschaft in einem Artikel über das Buch "The Rich and the Super-Rich. A Study in the Power of Money Today", des US-amerikanischen Professors und Politologen  Ferdinand Lundberg:
"Die "Reichen und die Superreichen, eine Junta von Großindustriellen und Finanziers" habe das Vermögen der Nation unter sich aufgeteilt, befehlige die Wirtschaft und bestimme die Politik",
zitiert "Der Spiegel" schon damals aus dem Buch.
"Nur knapp 2,7 Prozent der Bevölkerung verwalten allein zwei Drittel des gesamten Volksvermögens. Und nicht einmal 200 000 US-Kapitalisten halten den größten und wichtigsten Teil der Produktionsmittel in Händen. Der Durchschnittsamerikaner hat kaum mehr politische Freiheit als ein Sowjetmensch."
Der "Money-Club" sei
"das geheime Politbüro der Vereinigten Staaten",
konstatiert Lundberg schon 1968.
"Die wenigen hundert Reichen beschäftigen in ihren Unternehmen nahezu 30 Millionen Arbeiter und Angestellte. Sie finanzieren die Universitäten und Stiftungen. Ihnen gehören die Zeitungen und Magazine. Und sie sind die geheimen "Königsmacher" in den politischen Parteien". 
 Und das Jahre bevor ein Präsident Ronald Reagan die USA einer neoliberalen Agenda unterzog und Bill Clinton durch die Deregulierung der Banken 1994 den Finanzmarkt entfesselte, was die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter auseinander klaffen ließ. Betrugen die Einkommen des reichsten 1 Prozent der Bevölkerung 1967 noch 9% des Volkseinkommens, so waren es 2012 24%. Im Jahr 2011 erhielten CEOs in US-Unternehmen 340 mal höhere Einkommen als durchschnittliche Arbeiter. 1980 war ihr Einkommen nur das 42-fache eines Arbeiters.

Der Spiegel zitiert Lundberg:
"Im Grunde werde Amerika wie Sowjetrußland von einer Partei regiert. 'Republikaner und Demokraten', spottet Lundberg, 'sind bestenfalls rivalisierende Flügel der allmächtigen Partei der Eigentümer.' Oberstes Ziel dieser Einheitspartei sei die Erhaltung, Pflege und Förderung ihrer Finanziers."
 Zudem ist das US-amerikanische Wahlsystem antiquiert und führt durch das "The Winner takes it all" Prinzip häufig dazu, das nicht der Kandidat oder die Kandidatin mit den meisten Stimmen die Wahlen gewinnt, sondern der- oder diejenige, die die meisten Bundesstaaten mehrheitlich hinter sich bringt. So hat Hillary Clinton fast 3 Millionen Stimmen mehr bekommen, als der Gegenkandidat der Republikaner, Donald Trump. Trump allerdings, gewann 30 Bundesstaaten, Clinton hingegen nur 20. Auf Trump entfielen 302 Wahlmänner, auf Clinton lediglich 227.

 Schon im Jahr 2000 bekam der unterlegene Kandidat Al Gore über 540.000 Stimmen mehr als sein Gegner George W. Bush. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde, wie alle wissen, George W. Bush.

 Damit nicht genug. In seinem Buch "Gern geschehen, Mr. Präsident!", schreibt der Journalist Greg Palast über Wahlmanipulation von schon kriminellem Ausmaß:
"...der amerikanische Staat unterhält eine Behörde, die US Election Assistance Commission, die den offiziellen Stand der nichtgezählten Stimmen ermittelt. Aus den Zahlen dieser Kommission können wir berechnen, dass mindestens 2 706 275 der bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2008 abgegebenen Stimmen nie gezählt wurden. Weggeworfen: Beinahe drei Millionen Stimmen wurden durch den Abfluss gespült. Das ist eine hässliche Tatsache.
Aber es kommt noch ärger. Die Daten der Behörde verraten uns auch, dass mindestens 3 195 539 amerikanische Wähler schlicht daran gehindert wurden, ihre Stimme überhaupt abzugeben. Das heißt, sie wurden aus dem Wählerregister gesäubert oder bekamen schlicht keinen Wahlzettel.
Rechnet man es zusammen, dann schwillt die Summe auf nicht weniger als 5 901 814 legitime Stimmen und Wähler, die aus der Stimmzählung hinausgeworfen wurden. Nennen wir sie die FEHLENDEN SECHS MILLIONEN."
 Die USA eine Demokratie?

 Es ist dieses absolute Ausblenden von Tatsachen, das Ignorieren von Entwicklungen durch die Eliten, die einen Präsidenten Trump erst möglich gemacht haben. Und weil sich Presse und Politik immer noch weigern zu analysieren, warum Trump Präsident wurde, sind sie auch nicht in der Lage, ihm fest und entschlossen entgegenzutreten. Sie ergehen sich darin, finstere Mächte für die Wahl des Immobilienmoguls zum Präsidenten und das Scheitern Hillary Clintons verantwortlich zu machen.

 Putin habe die Wahl manipuliert, gemeinsam mit Wikileaks und dessen Gründer Julian Assange, dem ungebildeten weissen Mann der Opfer der Globalisierung geworden sei, eine allgemeine Flucht der Menschen in die scheinbar einfachen Lösungen, eine entfesselte digitale Öffentlichkeit mit ihren Fake-News und "alternativen Fakten" und eine immer weiter um sich greifende Geschichtsvergessenheit werden als Ursachen für den Ausgang der Wahl verantwortlich gemacht.

 Und schon werden neue Gefahren heraufbeschworen, gegen die zu Felde zu ziehen sei, weil sie dem Bösen weiteren Aufrieb geben würden. Plötzlich heisst es, dass das Freihandelsabkommen mit Kananda, Ceta, nun vom Europaparlament beschlossen werden müsse, nicht weil es über Nacht besser geworden sei, sondern weil es ein Signal Europas für den Freihandel gegen die Abschottungspolitik Donald Trumps sei. Der Spitzenkandidat der Grünen Cem Özdemir sagte nach Angaben der "FAZ":
"Ein fairer Freihandel ist in Zeiten eines stärker werdenden Protektionismus, vor allem in den Vereinigten Staaten, wichtiger denn je".
 Zwar fügte er noch hinzu, dass Teile des Vertrages nachverhandelt werden müssten, aber Özdemir weiss besser als viele andere, dass ein einmal beschlossenens Ceta-Abkommen nicht nachverhandelbar ist. Ceta ist ein Vertrag für die Ewigkeit. Nicht einmal kündbar ist das Abkommen, wenn es erst einmal beschlossen ist.

 So hilft Trump den Eliten, Ängste zu schüren um ungeliebte Verträge, Gesetze und Verordnungen durchzusetzen, so wie z. B. immer wieder China und die Schwellenländer für Deregelierungen im Arbeitsrecht und die Nivelierung von Löhnen und Gehältern herhalten müssen. So, wie uns immer wieder das Heraufbeschwören einer grossen Gefahr terroristischer Anschläge glauben machen sollen, dass Einschränkungen der individuellen Freiheit und eine lückenlose Überwachung unserer Privatsphäre unumgänglich seien. Die angebliche Gefahr, die von Russland ausgeht, muss als Begründung herhalten für immer höhere Rüstungsausgaben.

Es ist Propaganda, die die politische Agenda bestimmt. Wir werden manipuliert durch grosse und kleine Lügen, durch Halbwahrheiten und falsche oder verfälschte Darstellungen. Emotionen werden geschürt.

 Denken wir nur einmal an die ukrainische Politikerin Julia Timoschenko. Sie sei zu unrecht verurteilt worden hieß es, obwohl sehr gut belegt war, dass die Oligarchin den ukrainischen Staat um Millionen Dollar betrogen hatte. Ein angeblicher Bandscheibenvorfall wurde dermassen dramatisiert, dass dessen Behandlung angeblich nur in der Berliner Charité zu behandeln sei. Nach dem Putsch in Kiew fand dann bei der Frau eine Wunderheilung statt. Schon Stunden nach dem sie das Gefängniskrankenhaus verlassen hatte, in dem sie seit Monaten eine Sonderbehandlung genossen hatte, stand sie putzmunter auf der Bühne des Maidan und hielt eine Rede.

 Danach hatte sie allerdings ihre Rolle als Hebel der EU gegen die rechtmässige ukrainische Regierung ausgespielt. Der Hype um sie in den westlichen Medien war von jetzt auf gleich zu Ende. Frau Timoschenko verschwand in der Versenkung, aus der die Ikone der Freiheit und Demokratie nur kurzzeitig wieder auftauchte, als sie forderte, man möge eine Atombombe auf die Ostukraine werfen.

 Man denke an die Kübel voller Schmutz, die über den russischen Präsidenten Putin schon ausgeschüttet wurden. Er sei ein uneheliches Kind, das um der Karriere willen sein armes Mütterlein verrate. Er sei ein überführter Kinderschänder, nur weil er auf einem Foto zu sehen war, als er, wie es Politiker um der eigenen Beliebtheit willen überall auf der Welt recht gerne tun, öffentlich einen Jungen in den Arm nahm. Er sei Mitglied der russischen Mafia und er sei der reichste Mann Russlands, mehrere Milliarden Dollar schwer, die er von den Oligarchen seines Landes erpresst habe.

 So wurden plötzlich Nachrichten verbreitet, Wladimir Putin plane den Whistleblower Edward Snowden, der sich vor der US-amerikanischen Justiz, die drohte ihn wegen Hochverrats anzuklagen, worauf ihn, falls er verurteilt würde, woran kein Zweifel bestehen dürfte, die Todesstrafe oder zumindest Haft bis an sein Lebensende winken würde, in Mokau in Sicherheit gebracht hat, als Morgengabe an Trump auszuliefern. Tatsache ist, dass Russland Snowdens Aufenthaltsgenehmigung gerade erst um mehrere Jahre verlängert hat. Ziel dieser international hochgepuschten Fakenews war offensichtlich, Putin als einen Mann darzustellen, der für das Erreichen seiner Ziele zu jeder unmoralischen Tat fähig sei.

 Auch Wikileaksgründer Assange, so der Politikwissenschaftler an der Universität New York und Autor so renommierter Blätter wie New York Times, Washington Post, Time Magazin, dem Wall Street Journal und Newsweek, Ian Bremmer, plane schon den nächsten Coup. Auf seinem Twitter-Account behauptete er:
"Wikileaks' Julian Assange sagte russischen Medien, er habe komprimierende Infos über Emmanuelle Macron (den unabhängigen Kandidat für die französischen Präsidentschaftswahlen). Nichts über LePen. Bestimmt nichts über Verbindungen zum Kreml."
 Ein umgehendes Dementi von Wikileaks nahm Bremmer weder zur Kenntnis noch sah er einen Anlass seine offensichtliche Lüge zu dementieren. Einmal in die Welt gesetzt wird diese Fake-Meldung hemmungslos weiterverbreitet. "Die Zeit" Autorin Elisabeth Raether lamentiert in der neuesten Printausgabe der Wochenzeitschrift über den neuen Liebling des journalistischen Mainstreams:
"Macron ist keine 40 und hat alle gegen sich, nämlich beide etablierten Parteien sowie WikiLeaks-Gründer Julian Assange. Der hat schon damit gedroht, er habe kompromitierendes Material."
Es ist interressant und erschreckend zugleich, wie die Journaillie im Wahlkampf um das Amt des französichen Präsidenten Partei ergreift. Ganz analog zur Begleitung der US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Der Betrachter wähnt sich in einem Dejavue. Wie in den USA droht in Frankreich die Übernahme des höchsten und mächtigsten Amtes des Staaten durch Rechtspopulisten. Genau wie in den USA mit Hillary Clinton setzt der Mainstream auf einen Kandidaten des ganz grossen Geldes und zitiert Umfrageergebnisse, nach denen schon alles gut gehen wird - wenn auch erst in den Stichwahlen.

 Macron war, bevor er von François Hollande nach dessen Sieg in den Präsidentschaftswahlen 2012 als dessen Berater für Wirtschafts- und Finazpolitik berufen wurde, von 2008 an, bei der Investmentbank Rothschild & Cie beschäftigt. Zunächst als Investmentbanker und ab 2010 als Partner. Zuvor war er Berater bei dem wirtschaftsliberalem Think Tank "Institut Montaigne". Im Jahr 2014 wurde er von Hollande zum Wirtschaftsminister im Kabinett Valls berufen.

 Von Macron stammt der sogenannte "Pacte de Responsabilité et Solidarité", was soviel heisst wie Pakt der Verantwortung und Solidarität. Eine ähnliche Irreführung wie die deutsche Agenda 2010 und ebenso asozial. Sie bedeutete gewaltige Steuererleichterungen für die Unternehmen, Einschränkung der Arbeitnehmerrechte, wie etwa das Aufweichen des Kündigungsschutzes für die Arbeitnehmer oder die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten.

 Das Gesetz, auch "Loi Macron" genannt, wurde schliesslich ohne Abstimmung im Parlament von der Regierung per Dekret eingesetzt. Es führte von Anfang bis Mitte 2016 immer wieder zu grossen Massenprotesten und Streiks, bei denen jeweils Hunderttausende auf die Straße gingen. Emmanuel Macron wurde zu einem der unbeliebtesten Politiker Frankreichs.

 Die Presse aber jubelt:
"Zeit Campus":
"Er ist ein Type mit dem man gern befreundet wäre ...Die französische Politik ist alt und elitär, er ist jung und bricht mit Tabus …Emmanuel Macron begeistert die Franzosen. Tausende kommen zu seinen Veranstaltungen",

Der Deutschlandfunk:
"Emmanuel Macron mischt die politische Szene auf"

Die FAZ:
„Emmanuel Macron: Jung, liberal, ehrgeizig"

Der Spiegel:
„Messias der Mitte …Paris, Lille, Lyon: Wo immer der Shootingstar der französischen Präsidentschaftskampagne auftritt, wird er gefeiert, wie ein Profisportler eben, oder wie andere sagen: wie ein Messias. …Denn Macron, 39, verkörpert Jugend, Charme, Charisma, Ideen von einer besseren Zukunft - eben all das, was dem Gros der herkömmlichen Politiker fehlt.“

Die Huffington Post:
„Nur dieser Mann kann Le Pen stoppen und Europa retten"

Der Tagesspiegel:
"Macron: 'Ich verteidige das europäische Projekt' "

Der österreichische Standard:
„Macron, die Antithese zu Le Pen“

 Es sind immer wieder die gleichen, erschreckenden Verhaltensmuster, ob beim Brexit, bei den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen oder als im Jahr 2007 der russische Präsident Wladimir Putin seine Rede anlässlich der Münchener Sicherheitskonferenz hielt, man sieht und hört nur was man sehen und hören will, um seine Meinung, dann als Nachricht verkleidet, millionenfach zu verbreiten.

 Eine sehr verbreitete Methode die öffentliche Meinung zu manipulieren sind Nazi- oder Hitlervergleiche. So mussten schon mehrere Staats- und Regierungschefs als Reinkarnation Adolf Hitlers herhalten.  Serbiens Milosevic, Iraks Hussein, Lybiens Gaddafi oder Syriens Assad wurde diese zweifelhafte Ehre bereits zuteil, während Russlands Putin gern schon mal eine Mutation zum neuen Stalin nachgesagt wird.

Leider wurde der Ritus unliebsame Staatsmänner mit Hitler zu vergleichen in letzter Zeit etwas überdehnt und will nicht mehr so recht verfangen. Ganz fallen lassen möchte man diese wirkungsvolle Art der Diffamierung aber auch nicht. So ist man auf die Idee verfallen, die Leser selbst zu dem Schluss kommen zu lassen, Donald Trump sei der neue Hitler.

 Womit wir wieder bei Timothy Snyder und seinem Interview in der Süddeutschen angelangt wären. Auf die Frage seines Interviewers, Matthias Kolb, worauf Snyder hinauswolle als er in seinem Artikel im Online-Magazin "Slate"
"die politische Karriere von Donald Trump mit dem Aufstieg von Adolf Hitler"
verglichen habe, läßt dieser ganz ungeniert die Katze aus dem Sack:
"Ich habe in meinem Text keine Namen genannt, sondern kurz geschildert, wie Hitler an die Macht kam und viele Leser merkten: Das kommt mir bekannt vor."
Und er scheut sich auch nicht seine Taktik ganz offen zuzugeben:
"Ich weiß, dass Hitler-Vergleiche in Deutschland tabu sind,"
bis er seinen Fehler bemerkt und schnell alles was er vorher gesagt hat dementiert:
"deswegen ganz klar: Ich wollte die beiden nicht gleichsetzen und nicht provozieren."
 Obwohl der Autor des wissenschaftlich äusserst umstrittenen Buches Bloodlands also bestreitet, Parallelen zwischen Hitler und Trump zu ziehen, uns gar Trump als den neuen Hitler zu präsentieren, unterlaufen ihm in seinem angestregten Bemühen genau dieses doch zu tun, eklatante Fehler, die eines ernsthaften Wissenschaftlers unwürdig sind. Gleich im ersten Satz seines Pamphlets stimmt rein gar nichts:
"Seine Wahl im November war eine Überraschung."
 Das mag vielleicht für die Wahl Trumps zutreffend sein, auf Hitler bezogen und die Reichtagswahl im November findet sich in dem Satz kein Körnchen Wahrheit. Zunächst einmal scheint Snyder nicht zu wissen, dass im Deutschland der Weimarer Republik, ganz wie in der Bundesrepublik Deutschland der Regierungschef nicht direkt vom Volk, sondern vom Parlament gewählt, und vom Reichpräsidenten ernannt wurde. Zum Zweiten war das Wahlergebnis im November 1932 nur in einem Punkt überraschend, nämlich das Hitlers NSDAP im Gegensatz zur Reichstagswahl im Juli nicht etwa gewann, sondern mit einem Minus von 4,2% der große Verlierer war.

 Auch im zweiten Satz belegt Snyder ausschliesslich zwei Fakten, 1. seine absolute Unkenntnis der Verhältnisse während der Weimarer Republik und 2. sein verkrampftes Bemühen, Parallelen aufzuzeigen, wo es keine gibt:
"Die Intellektuellen argumentierten gegen seinen Rassismus- und Verschwörungswahn."
 Ausser einigen wenigen Linksintellektuellen war die deutsche Intelligenz in den zwanziger und dreißiger Jahren noch ganz im Klassendünkel des 1918 untergegangenen Kaiserreichs verhaftet und argumentierten schon aus dem Grund des,im eigenem Rassismus verwurzelten Denkens und des in der Dolchstosslegende zum Ausdruck kommenden Verschwörungswahns, lediglich gegen Hitlers niedere Herkunft und seinen daraus resultierenden geringen Dienstgrad im ersten Weltkrieg und verhöhnten ihn als den "kleinen Gefreiten" Hitler.

 Die Existenz des dritten Satzes:
 "Nationalisten verhöhnten seine Neigung zu einem fremden Tyrannen", 
dürfte einzig der Tatsache geschuldet sein, dass Snyder unbedingt die von ihm vermutete Nähe Trumps zu Putin thematisieren wollte und für seine Argumentation verzweifelt nach einer weiteren Parallele gesucht haben dürfte. Ansonsten ergibt der Satz überhaupt keinen Sinn.

 Auch der nächste Satz:
"Geschäftleute erklärten, dass wirtschaftliche Isolation nur der Exportwirtschaft schaden könnten."
 ist geschichtlich nicht zu belegen, noch dürfte ein Rückgang des Exportes für die deutsche Wirtschaft von geringer Relevanz gewesen sein. Von 13,5 Millionen Reichsmark im Jahr 1929 war der Export deutscher Waren und Dienstleistungen bis 1932 auf ganze 5,7 Millionen Reichsmark gesunken. Das war die Folge globaler protektioninistischer Maßnahmen während der Weltwirtschaftskrise, auf die Deutschland gar keinen Einfluss hatte, weder mit, noch ohne wirtschaftlicher Isolation.

Im folgenden stellt Snyder auf die Meinung der Deutschen im Januar 1933 ab, es werde schon nicht so schlimm kommen:
"Unter den gewöhnlichen Bürgern gab es einen gewissen Glauben, daß die politische Elite die Dinge unter Kontrolle hatte. Unter der Elite gab es einen gewissen Glauben daran, daß die staatlichen Institutionen sich irgendwie schützen würden, daß sich die Rechtsstaatlichkeit und die Verwaltung sich irgendwie behaupten würden."
  Natürlich stellt Snyder auf ein Aha-Erlebnis beim Publikum ab. Haben wir nicht alle geglaubt, das Amt werde Trump schon ändern? Sagt nicht das Sprichwort Hunde, die bellen beißen nicht?

Merkwürdig, auch "Die Zeit" widmet in ihrer Printausgabe vom 26. Januar der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 eine ganze Seite. Auch hier der Tenor, Hitler sei von allen, von politisch links bis ganz rechtsaussen unterschätzt worden. Der Autor Volker Ullrich zitiert Vizekanzler von Papen:
"Was wollen sie denn? Ich habe das Vertrauen Hindenburgs (der damalige Reichspräsident). In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht."
 Faktenreicher und mit mehr geschichtlichem Sachverstand, als Snyder agumentiert Ullrich. Auch er nennt Trump nicht beim Namen, aber der Vergleich Trumps mit Hitler springt dem Leser aus jeder Zeile entgegen.
"Gibt es Anlass zur Sorge,"
fragt Ullrich in seinem ersten Satz und jeder weiß, 6 Tage nach der Amtseinführung Trumps und 6 Tagen voller Hysterie in den Medien, wer wirklich gemeint ist. Und er schliesst denn auch seinen Artikel mit Worten, die auf den ersten Blick ausschliesslich die Geschichte beschreiben, die aber wie eine Prophezeihung und eine Warnung an die Republikaner klingen:
"Selten ist ein politisches Projekt so rasch als Chimäre enthüllt worden wie das Konzept der Konservativen zur »Zähmung« der Nationalsozialisten. Was machttaktische Gerissenheit betraf, war Hitler seinen Mit- und Gegenspielern im Kabinett turmhoch iiberlegen. Binnen kurzem hatte er sie an die Wand gespielt, Papen aus der Vorzugsstellung bei Hindenburg verdrängt und Hugenberg zum Riicktritt gezwungen."
 Sicherlich ist Donald Trump kein guter Präsident. Er ist weder charakterlich noch fachlich geeignet die Weltmacht USA zu führen. Aber er ist nun einmal gewählt. Wir sollten mehr Vertrauen zum Volk der USA haben, dem Mann seine Grenzen aufzuzeigen. Die Journaille, die nicht ganz unschuldig daran ist, dass ausgerechnet einer der schwächsten Kandidaten für das Amt die Wahl zu seinen Gunsten entschieden hat, täte gut daran, sich darauf zu fixieren, über die Fehler, die Trump macht, sachlich zu berichten, sie zu kommentieren und ebenso sachlich zu kritisieren.

 Donald Trump mit Adolf Hitler zu vergleichen hilft da sicher nicht weiter. Dieser Vergleich ist in höchstem Masse ungerechtfertigt und eine Beleidigung der Opfer des Nationalsozialismus'. Mit jedem Vergleich werden die Verbrechen der Nazis kleiner gemacht, bis eines Tages keine Schuld mehr übrig bleibt, und dann ist der Weg frei für einen wirklichen neuen Adolf Hitler.

Kommentare:

  1. Der entscheidende Faktor bei diesen Vergleichen wird nicht einmal erwähnt: Hitler hatte eine große, schlagkräftige, mitgliederstarke Partei hinter sich, einschließlich einer Privatarmee, der SA. Nur so konnte er sich gegen die alten Eliten durchsetzen. Trump hat nichts dergleichen - und er wird, wie man sieht - systematisch von diesen Eliten fertig gemacht.

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  2. Insgesamt ein guter Artikel. Ein "Sehr Gut", kann ich wegen des vorletzten Absatzes leider nicht geben. Es ist nervend, und kommt mir leider zu oft vor, wenn jemand in dieser Zeit des Hasses, der Diffamierungen, der Lügen, gelenkt von den getarnten "Welteliten", mittels Medien und "Experten" verbreitet, z.B. über Trump, Putin und Assad, versucht die ungerechtfertigte Verachtung dieser Personen zu enttarnen oder relativieren um zuletzt, fast entschuldigend festzustellen, dass wie in dem Artikel, an Trump einiges nicht in Ordnung sei. Zum Beispiel:"Sicherlich ist Trump kein guter Präsident." Woher kommt denn diese Erkenntnis, nach noch nicht einmal 100 Tage im Amt?" Weiter:"Er ist weder charakterlich noch fachlich geeignet die Weltmacht USA zu führen." Dieser Satz haut mich um. Es fehlte nur noch der Autor hätte Obama als Vorbild gepriesen. Muss man als US-Präsident ein Massen-und Drohnenmörder sein um Charakter zu beweisen? Muss man Länder überfallen, dort töten und verheeren um Fachlichkeit zu beweisen? Obama und Merkel mögen intelligenter sein, aber seinem Lebenslauf nach hat Trump politisch mehr Wissen als die beiden und ist ihnen in Wirtschaft haushoch überlegen. Das kommt seinen Wählern entgegen. Weiter:"Aber er ist nun einmal gewählt. Wir sollten mehr Vertrauen zum Volk der USA haben, dem Mann seine Grenzen aufzuzeigen." Ein totaler Unsinn, weil Trump ein Versagen im voraus unterstellt wird. Das ist ungerecht. Sehr entscheidend ist schließlich auch Trumps Mitarbeiterstab. Gehe jede Wette ein, dass der US-Präsident viel mehr drauf hat, als Frau Merkel zu Beginn ihrer Kanzlerinnen-Zeit. Dann gibt der Autor des Artikels der "Journaille" die Mitschuld an der Wahl von Donald Trump. Das mag sein, aber die "Hauptschuldigen" der Wahl von Donald Trump, waren die Abgewählten selbst. Jeder Interessierte weiß, in den USA bekommen über 50 Millionen Menschen Essensmarken, die Infrastruktur ist im Eimer und die Arbeitslosigkeit hoch. Das Establishment war scheinbar nur mit sich selbst beschäftigt.
    Mein Fazit: 1.) US-Präsident Donald Trump hat eine Chance verdient. 2.) Bei Hass, Diffamierungen und Lügen der Mainstream-Medien und "Experten", sollten wir verbal kräftig zurückschlagen. Denn diese "Informations"-und Haudrauf-Krieger der "Eliten" relativieren selten und entschuldigen sich nie, für ihren geistigen Müll.

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