Dienstag, 12. September 2017

Der Skandal von Finsterwalde

 Man weiß eigentlich nicht, mit wem man mehr Mitleid haben soll, mit den Trillerpfeifen oder mit der devoten Schriftstellerin Hensel. Aber hier kommt man der deutschen Wirklichkeit, 68 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland und 28 Jahre nach dem Beitritt der DDR zu eben dieser Bundesrepublik, wohl am nächsten, nämlich der miserablen Verfassung der deutschen Demokratie.

 Am 6. September reiste die deutsche Bundeskanzlerin nach Finsterwalde um eine ihrer emotions- und inhaltslosen Wahlkampfreden vom Papier abzulesen. Das Wetter war schlecht und so hatten sich auf dem Marktplatz des kleinen Städtchens 133 Autobahnkilometer südlich von Berlin nur wenige Menschen eingefunden. Als der Wahlkampftross der Kanzlerin dann endlich eintraf, setzte ein gellendes Pfeifkonzert ein. Es war keine politische Unmutsäußerung sondern eindeutig der Versuch Randale zu veranstalten und damit Aufmerksamkeit zu erwecken.

 Soweit, so gut. es ist Wahlkampf in Deutschland und da wird der Ton eben rauer. Wer sich aus dem geschützten Universum der Berliner Politik in die Wirklichkeit begibt und Argumente durch eine immer und immer wieder gleich vom Papier abgelesene Rede, verfasst von PR-Fachleuten ersetzt, wer den Menschen dadurch klar und deutlich seine Missachtung zu verstehen gibt, wer wie Merkel kaum verhehlen kann, wie widerlich ihr selbst diese Volkstümeleien sind, der sollte sich nicht wundern, wenn er ausgepfiffen und auf niedrigstem Niveau niedergebrüllt wird.

 Nun sind Trillerpfeifen kein Argument. Aber die Trillerpfeife als politisches Instrumentarium hat ja nicht erst die AFD und deren schmuddeliges Umfeld erfunden. „So what“, könnte man sagen und sich der politischen Auseinandersetzung, den leeren Versprechungen, den falschen Behauptungen und dem immer wieder bis zum Erbrechen wiederholten Gesundbeten und der Schönfärberei deutscher Verhältnisse Merkels widmen.

 Wenn man dann Kulturschaffende wie die Schriftstellerin Jana Hensel ist, dann sollte einem die Tatsache, dass in einem Land, 
„in dem wir gut und gerne leben“,
wie die CDU plakatiert und Merkel proklamiert, für die Bildung eines HartzIV-Empfängers genau 1,55 Euro im Monat eingeplant und bewilligt sind, und für 
gerade einmal 45,15 Euro im Monat (das Abonnement einer Tageszeitung verschlingt schon gut und gerne 40 Euro), mehr umtreiben, als ein paar sinnentleerte Trillerpfeifen in Finsterwalde.

 Jana Hensel und „Die Zeit“ sind aber an der Diskussion oder gar der Kritik an der fragwürdigen neoliberale, scheindemokratischen Politik der letzten Jahre nicht interessiert. Sie wollen Stimmung machen. Stimmung, nur scheinbar gegen die Rechtsaussen - aber ganz sicher für Merkel. Letztendlichen macht Hensel, macht „Die Zeit“ aber Stimmung für ein ganzes System, der Entmündigung, des Einschläferns, der Entdemokratisierung der Gesellschaft. Die AFD ist dabei nur gern gesehene Hilfe.  Sie ist ein Buhmann, den jeder Despot braucht um die Massen hinter sich zu bringen.

Hensels Text zeigt auf drastische Weise nicht nur den Niedergang der Intellektuellen, sondern auch die drastisch fortschreitenden Entpolitisierung der Politik.

 Politische Willensäußerung henselscher Prägung klingt dann etwa so, wenn sie von ihrem Sohn berichtet, auf dessen Wunsch hin sie angeblich von Berlin nach Finsterwalde gefahren ist:
„Ich weiß nicht, ob man von einem neunjährigen Kind schon sagen kann, dass er ein Fan ist, aber ich weiß, dass er Sie schätzt, also auf seine kindliche Art stets gut von Ihnen spricht. Von Barack Obama redet er auch so, von Donald Trump nicht.“
 Ich bin mir ehrlich gesagt nicht so ganz sicher, ob Hensel nicht ihren Sohn vorschiebt, weil sie sich ihrer eigenen infantilen, inhaltsleeren Schwärmerei für Angela Merkel nicht doch ein wenig schämt. Nicht ihr Sohn benutzt schliesslich die Vokabel Fan, die, gebraucht in Hinsicht auf eine Politikerin nicht nur grundfalsch, sondern brandgefährlich ist.

 Ein Fan folgt seinem Idol überallhin, er verehrt es, himmelt es an ohne dafür irgendeine Begründung zu brauchen. Ein Fan ordnet seine eigene Meinung, ja seine eigene Identität völlig der seines Idols unter, ist schliesslich und endlich ein willenloses Werkzeug in den Händen seines Idols.

 Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob es der politischen Dimension eines US-Präsidenten Donald Trump gerecht wird, und meinen Ansprüchen an Sprache genügt, wenn Hensel ihre politische Weltanschauung, Bezug nehmend auf ihren Sohn, der, so Hensel,  stets gut über Merkel spricht, in den eher in seiner Schlichtheit an den Entwicklungszustand eines Sechsjährigen erinnernden Satz,
„Von Barack Obama redet er auch so, von Donald Trump nicht“,
zum Ausdruck bringt. Mich beschleicht eher eine gewisse Beklemmung wenn ich mir vergegenwärtige, dass sich Leute, die sich dermassen einfach und beschränkt zu politisch komplexen Themen äussern, zu den Eliten unseres Landes zählen.

 Nebenbei beschleicht mich zutiefst empfundenes Mitleid mit einem Kind, dass mit neun Jahren den brennend heissen Wunsch verspürt, sich eine Wahlkampfrede Angela Merkels anzuhören. Was wird aus diesem Kind wenn es erst erwachsen ist? Mich gruselt.

 Aber zurück zu Jana Hensel selbst, Sie scheint nicht zu einer Wahlveranstaltung der CDU gefahren zu sein, sondern die Wiederkehr des Heilands zu erwarten:
„Kurz vor 19 Uhr wurde es auf dem Marktplatz ganz still. Der Redner auf der Bühne hatte aufgehört zu sprechen, die Musik hatte aufgehört zu spielen und der Regen sich verzogen. Alle Leute, die eben noch einfach so herumstanden und plauderten, schwiegen nun. In großer Erwartung Ihrer Ankunft.“
Und im Stil eines pubertierenden Teenagers geht es weiter:
„Sie kamen aus einer unscheinbaren Nebenstraße mit nur ein paar Bodyguards auf den Markt gelaufen. Wie nebenbei, wie zufällig, wie eine Spaziergängerin, offen und ja, auch verletzlich. Ich mochte das. Ich mochte Sie, wie Sie da einfach so herbeigelaufen kamen. Die mächtigste Frau der Welt, the leader of the free world. Mitten unter den Finsterwaldern.“
 Man könnte so fortfahren, sich belustigen über Sätze wie:
„Sie sind doch so mächtig…Martin Schulz ist für die Menschen im Osten nicht wichtig. Sie hingegen sind es. Sie sind mehr als nur ein Symbol, Sie sind weiter gekommen als jeder andere von uns, der nach dem Mauerfall in die freie Welt aufgebrochen ist. Dafür lieben Sie die Menschen, dafür werden Sie gehasst.…Ein junges Mädchen hielt ein selbst gemaltes Schild hoch: Sie sind meine Kanzlerin. Vor Ihnen stand das Volk. Diese Menschen sind ein Teil von Ihnen, so wie Sie ein Teil von ihnen sind.“
Man könnte ausser Atem kommen vor lachen bei Schenkelklopfern wie diesen:
„Nun erhoben sich die Leute doch von ihren Plätzen auf den Bierbänken, stellten sich um Sie herum auf wie menschliche Mauer, ich glaube, sie wollten Sie beschützen. Und für einen kurzen Moment wich die Lähmung aus Ihrem Gesicht, tauchten Züge von Entspannung und sogar so etwas wie Freude auf. Und dann verließen Sie die Bühne durch den Hintereingang.“
Aber die Sache ist zu ernst.

 Wo ist eigentlich der Unterschied, zwischen den hirnlosen Trillerpfeifen und Hensels nicht weniger hirnlosen Merkelverehrung?

 Beides ist gut für die Mächtigen dieser Welt. Sie brauchen beides, den trillerpfeifenden Buhmann und die kritiklos hinter der Musik herlaufende Masse der Hirnlosen. Das eine bedingt das andere und beides ist gut für den eigenen Machterhalt. Gäbe es nicht die Buhmänner dieser Welt, so gäbe es keine Furcht und gäbe es keine Furcht, so würden die Menschen irgendwann damit beginnen, die richtigen Fragen zu stellen.

 Sie würden sich fragen, warum es nicht möglich ist mit all den uns zur Verfügung stehenden  Mitteln und Fähigkeiten, die Reichtümer dieser Erde gerechter zu verteilen?

 Sie würden sich fragen, warum es nötig und geboten ist, ganze Völker auszurotten, weil sie das Pech haben von einer Regierung regiert zu werden, die den Mächtigen dieser Welt nicht gefällt?

 Sie würden sich fragen, warum es uns zwar möglich ist Präzisionswaffen zu bauen, die aus tausenden von Kilometern Entfernung zielgenau Vernichtung und Tod über vollkommen wehr- und hilflose Menschen zu bringen, wir aber nicht in der Lage sind überall auf der Welt Schulen zu bauen, Lehrer zu bezahlen und Lehrmaterial zur Verfügung zu stellen, damit alle Kinder dieser Welt eine angemessene Bildung erhalten?

 Und sie würden sich fragen, warum es Menschen gibt, die für sich in Anspruch nehmen in Luxusvillen zu wohnen, die mehrere hunderte von Quadratmetern groß sind, die über zehn und mehr Schafzimmer verfügen, in denen es mehr luxuriös ausgestattete Bäder gibt als in vielen Flüchtlingscamps einfache Wasserstellen und auf der anderen Seite solch grenzenlose Armut, dass Kinder nachts auf der Strasse schlafen müssen?

Die richtigen Fragen zu stellen würde aber auch bedeuten, Antworten einzufordern von den Mächtigen. Und es würde letztlich bedeuten, selbst zu erkennen, was für mich gut ist und was schlecht und schliesslich und endlich selbst über das eigene Schicksal zu entscheiden. Und das wäre das Ende der Mächtigen.

 Deshalb brauchen sie die Bösen, die AFD, die Antifa, Putin, Trump, Kim Jong-un, die Assads und die Le Pens und sie brauchen die Herde der Schafe, die sie mit den Bösen erschrecken kann und so vor sich hertreiben.

Warum veröffentlicht „Zeitonline“ einen solchen Schwachsinn, den Jana Hensel hier verzapft? Warum veröffentlicht das Blatt, dass doch für sich in Anspruch nimmt, als seriös zu gelten, einen Stuss, der selbst in der Teenagerpostille „Bravo“ nur unverständiges Achselzucken verursachen würde?


 Weil „Die Zeit“ uns doof und unmündig halten will, weil sie uns wie alle anderen Mainstreammedien, wie die bunten Blätter, wie Hollywood, wie das Fernsehen ganz bewusst eine Wirklichkeit vorgaukeln will, die es zwar so nicht gibt, uns aber veranlasst Wahnsinn für Vernunft und Vernunft für Wahnsinn zu halten.

 Das und nur das ist der Skandal von Finsterwalde.

Kommentare:

  1. Es ist traurig.
    Natürlich ist der Kontrast zwischen gut und böse, so, wie hier geschildert, äußerst nützlich zum Machterhalt. Doch so, wie die einen nicht gut sind, sondern sich nur so darstellen (lassen), sind die anderen nicht böse, sondern werden nur als böse dargestellt - unter anderem, weil sie die richtigen Fragen stellen. Richtige Fragen an eine rundum kranke Mitte gibt es von links und von rechts. Das Spiel funktioniert doch nur, weil sich die als böse Hingestellten ums Verrecken nicht als im gleichen Boot sitzend und letztlich im Kern die gleichen Ziele verfolgend, erkennen können oder wollen.
    So kann, wer das Spiel des Teilens und Herrschens beherrscht, mit kaum mehr als 20 Prozent Zustimmung unter den Wahlberechtigten, alle drängenden Fragen weiterhin ignorieren.

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  2. Sehr gut beobachtet und sehr gut formulierter Artikel, Herr Jungmann!

    Beschämend sind solche schleimigen, infantil-tuenden, aber bewusst polarisierenden Machwerke ['Artikel' mag ich gar nicht schreiben] von solchen Non-Journalisten wie Jana Hensel.
    Gott sei Dank tue ich mir solch ein Gekritzel der Regierungssprachrohre SZ, Zeit, Spiegel, Welt & Co. nicht mehr an!

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  3. Hänschen Klein ...12. September 2017 um 20:00

    Eine sehr interessante Betrachtung derselben Veranstaltung von einer 'Querdenkerin', hier:
    > https://propagandastation.wordpress.com/2017/09/08/die-querdenkerin-zeit-online-ist-ein-besonders-perfides-stueck-propaganda-gelungen/

    Hier wird der Fokus auf das 9jährige Kind (Sohn von J. Hensel) gelegt,
    ... wie es absichtlich genau vor der Kamera platziert wird, dort sehr lange allein und etwas hilflos sitzen muss, bis nach gegebenen Instruktionen nach 56 Minuten wie 'ferngesteuert' Plakate hochgehalten werden müssen.
    Alles unterlegt mit exakten Filmausschnitten und Screenshots.
    Ist das noch 'freier Wille' oder doch politische Instrumentalisierung eines Kindes?
    Die anschließende Lobeshymne in der 'Zeit' und das dazugehörige Honorar waren ja wohl schon ausgehandelt?

    Für manche scheint das ideologisch notwendig zu sein.
    Für mich als Mutter ist das einfach nur bitter.

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